Svenja Leiber

Das letzte Land, 2014 Suhrkamp Verlag

 

Übersetzungen ins

Englische, Spanische, Italienische

Das letzte Land, 2014 Der Audio Verlag

 

Hörbuchfassung (ungekürzte Lesung)

mit Burghart Klaußner

Rezensionen Das letzte Land

 

 

 

»Leiber erzählt in einem Präsens, das in seiner Kargheit nur auf den ersten Blick irritiert, dessen Intensität aber bald einen Sog entfaltet, dem man sich kaum entziehen kann.«

Sandra Kegel, FAZ Messebeilage

 

»Ein sozial hellsichtiger Roman.«

René Hamann, Neues Deutschland

 

»Svenja Leiber kann nicht nur schreiben. Sie kann auch denken. (...) Ein eindrucksvoller, ein bedrängender Roman. Der einen noch über das Lesen hinaus ins eigene Leben hinein begleitet oder eher verfolgt.«

Gabriele von Arnim, Deutschlandradio Kultur

 

»Von einem Dorf, einem Künstlerleben und von fast einem kompletten Jahrhundert erzählt Svenja Leiber in ihrem großen Roman „Das letzte Land“ ... Mich hat nicht mal das märchenhaft unwahrscheinliche Happy-End der Bauernhochzeit von Marie davon abgehalten, den ganzen Roman lang zum Aufheulen berührt zu sein. Zu viel Gefühl? Gerne! „Schon wieder ein Sommer. Oder bald Herbst. Es heißt, im Herbst singen die Vögel ganz ohne Grund.«

Sabine Vogel, Frankfurter Rundschau

 

»„Das letzte Land“ heißt der neue Roman von Svenja Leiber, die mit dem Erzählungsband Büchsenlicht den Förderpreis des Bremer Literaturpreises gewann und seitdem auch mit ihrem ersten Roman „Schipino“ ein großes Stück Literatur geschaffen hat. Und immer wieder die Provinz: Auch „Das letzte Land“ ist da am stärksten, wo Svenja Leiber den Seelenzustand eines Dorfs im norddeutschen Hinterland ausleuchtet: kühl, trocken, protestantisch.«

Siegrid Löffler, Radio Bremen

 

»Svenja Leiber gelingt, was ihrer Figur versagt bleibt: Sie spricht nicht schuldig, sondern zeigt einen Menschen im Geflecht seiner Mitmenschen und der historischen Verheerungen des 20. Jahrhunderts. Sie erzählt sein Scheitern, sein Stolpern, sie lässt ihn den Halt verlieren, aber niemals seine Würde.«

Wiebke Porombka, Deutschlandfunk

 

»Es ist ein Künstlerroman, den die in Berlin lebende Autorin Svenja Leiber, Jahrgang 1975, hier vorgelegt hat. Genauer: ein Roman über das Scheitern eines Künstlers. Die Geschichte des Ausnahmemusikers Ruven umfasst fast die gesamte deutsche Historie im 20. Jahrhundert. Ein wenig fühlt man sich bei diesem Band, der irgendwann melancholisch in den 1970er-Jahren ausklingt, an Patrick Süskinds „Parfum“ erinnert. Leiber ist eine dieser Autorinnen, die immer unter dem Radar fliegen und trotzdem immer tolle Bücher vorlegen.«

zitty-Kritik Berlin

 

»Die Sprache erzählt mit filigraner Zartheit die sinnsuchende und staunende Kurzatmigkeit der Töne. ... Ein wunderschöner Roman!«

Uschi Lehner, Kreuzer

 

»Svenja Leibers Figuren sind keine klassischen Sympathie-Träger, trotzdem fühlt man sich ihnen als Leser verbunden. Vielleicht liegt das auch an der Achtsamkeit und dem Respekt, mit dem Leiber ihr Personal beschreibt. "Das letzte Land" ist Svenja Leibers zweiter Roman. Nach Aussage vieler Autoren ist er der Schwerste, weil auf ihm so viele Erwartungen ruhen. Falls dem so ist, hat Leiber sie mit ihrer ungewöhnlichen Künstler-Biographie erfüllt.«

Elke Biesel, Kölner Stadt-Anzeiger

 

»Svenja Leiber findet einen eigenen Ton, ein eigentümliches Accelerando und Ritardando des Erzählens, wodurch Details und Figuren in unerhörter Prägnanz zu Geltung kommen.... Dieser Roman kreuzt verschiedene Genres – den Künstlerroman mit dem Zeitroman, die Bildungsgeschichte mit der Verwilderungsgeschichte – und lebt obendrein von der Kraft der Synästhesie. Wie Ruven es vermag, die Farben der Klänge zu sehen, so instrumentiert auch Svenja Leiber den Text ihres Erinnerungsbuches.«

Stefan Kister, Stuttgarter Zeitung

 

»In "Das letzte Land" schafft Svenja Leiber ein anschauliches Zeitpanorama - in entscheidenden Momenten versagt ihre Hauptfigur ebenso wie die deutsche Gesellschaft.«

Thomas Andre, Spiegel Online

 

»..."Das letzte Land“ von SvenjaLeiber ist ein Bildungsroman im besten Sinne, ein erzählerisches Plädoyer für die Eigenschaft der Kunst, Widerstandskräfte freizusetzen und zu einem Kompass zu werden, allen Gefährdungen zum Trotz.«

Sabine Zaplin, Bayerischer Rundfunk

 

»Svenja Leibers große Qualität besteht darin, Fragen aufzuwerfen und ihnen zu folgen auch ohne Aussicht auf eine Antwort. Sie zielen auf das Selbstverständnis der Kunst und ihre moralische Verpflichtung, wollen den Entscheidungsspielraum eines Individuums ausloten, seine Prägung durch Herkunft und Zeitenlauf, sein Vermögen, Schuld und Verantwortung zu tragen.«

Carsten Hueck, ORF Ex Libris

 

»Svenja Leiber hat sich für eine Sprache und eine Erzählzeit entschieden, vor deren Hintergrund dieses zutiefst gegenwärtige Problem des Hin- und Hergerissenseins zwischen dem eigenen Können und dem Wunsch nach Gesellschaftskonformität in einer fast schmerzhaften Deutlichkeit hervorgehoben wird. Der Roman ist voll von Sätzen, die den Leser nahezu süchtig machen. Man liest sie nochmal und nochmal, kann beinahe nicht anders, als mit gezücktem Stift da sitzen und markieren, was man nie mehr vergessen will.«

Anne Heier, BerlinOnline

 

»Manchmal sind Leibers Beschreibungen ziemlich lustig - wenn sie den jungen Ruven einen "jungen Meerschweinbock" nennt -, immer aber sehr treffend und gekonnt.«

Margarete Stokowski, Literarische Welt

 

 

 

 

Athener Kulturzeitschrift The Books’ Journal

Lenia Safiropoulou im Gespräch mit Svenja Leiber

 

Ihr Buch Das letzte Land ist ein lakonischer Entwicklungsroman. In seinen fragmentartigen Episoden führen Sie Ihren Haupthelden durch die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Wie sind Sie zu der Zusammenraffung der traditionellen Entwicklungsromanform gekommen und was für ein Ziel hatten Sie mit Ihrer elliptischen Form?

 

Die großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts haben sich insbesondere die Deutschen schon sehr oft selbst erzählt. Es besteht die Gefahr, beispielsweise im Erzählen über die Kriege, in Stereotypen zu verfallen. Wir meinen längst zu wissen, wie der 2. Weltkrieg war, weil wir das schon tausendmal mit immer den gleichen Kostümen gesehen haben. Ich habe mich daher entschieden, gerade die viel und traurig besungenen Ereignisse mit großen Sprüngen zu durchmessen und eher anzudeuten, wie sich die Überlebenden durch die Ereignisse verändert haben.

Falls ich einen Entwicklungsroman geschrieben habe, dann sollte es einer sein, in welchem das Untrennbare von individuellem Schicksal und größerem, „landesweitem" Schicksal aufscheint. Wobei man das Schicksal ja durchaus einmal danach befragen kann, was NICHT passiert ist, statt immer nur zu erzählen, was passiert IST. Eben diese Lücken interessieren mich generell im Schreiben sehr. Ich habe den Eindruck, dass die für mich interessanteren Prozesse im Unsichtbaren oder eben Ungesagten stattfinden.

 

Ihre Erzählweise ist fragmentarisch. Glauben Sie noch an den großen, epischen Roman? Oder ist es heutzutage die Aufgabe des Kinos und der Fernsehserien ausführlich und naturalistisch Geschichten zu erzählen? Viele beschweren sich wenn Prosa wie ein gedruckter Kino- oder TV-Film klingt. Welche Chancen und Aufgaben hat die heutige Prosa, wenn andere Kunstformen das populäre story telling übernehmen?

 

Ich ziehe im Buch tatsächlich die verdichtete Form der epischen Breite vor. Der Kinofilm kann auf der naturalistischen Ebene unendlich viel mehr und ist da auch sehr befriedigend. Ich liebe großes Kino! Aber er hat eine sehr kurze Halbwertszeit. Sein Verfall folgt ihm auf dem Fuße. Und nichts wird langsamer alt, als die Sprache. Ich würde ja so weit gehen, sie als etwas beinahe Unsterbliches zu bezeichnen. Ein vor zweitausend Jahren gesprochenes Wort, kann immer und zu jeder Zeit wieder gesprochen werden, ohne seine Kraft eingebüßt zu haben. Gerade für Griechische Ohren dürfte dies keine Neuigkeit sein. Das ist für mich aber das im wörtlichen Sinne Zauberhafte an Sprache. Darum wird die Literatur, auch die literarische Prosa, niemals überflüssig. Sie transportiert das Lebendige.

 

Wird Ihre Arbeit von der neuen Sprache der sozialen Netzwerke beeinflusst? Stört Sie als Schriftstellerin das übermäßige öffentliche Schreiben in den sozialen Netzwerken? Werden die mit Geschriebenem übersatten Menschen ihre Beziehung zur Literatur neu definieren müssen?

 

Nein, meine Sprache wird viel mehr von Literatur beeinflusst. Ich habe aber nichts gegen die sozialen Netzwerke. Ich liebe diese nervöse Wachheit dort, die Diskussionen, den Austausch. Ich glaube, dass dies sehr viel Bewusstsein erzeugt. Dagegen ist nichts einzuwenden. Man sollte nur lernen, die Verbindungen immer wieder auch zu unterbrechen. Meine Sorge ist nämlich, dass die Menschen vielleicht die Geduld verlieren. Die Geduld für Bücher, aber auch für Gedanken oder überhaupt Entwicklungen. Das sprachliche Tempo in den Netzwerken kann brillant sein, aber es neigt auch zur Hysterie. Insofern sind diese Netzwerke Übungsfelder.

 

Möchten Sie uns etwas über die diskreten Phantasy-Pinselstriche in Ihrem Roman sagen? Ist das ein kurzer Rückblick zu Ihren Literaturvorfahren der schwarzen Romantik?

 

Nein, die schwarze Romantik hat mich nie wirklich gereizt. Ich würde das Fantastische eher als eine kleine Erweiterung der so genannten Wirklichkeit bezeichnen, weil für mich die Grenze noch nicht endgültig definiert ist. Ich kann mich sehr für Physik begeistern, insbesondere dafür, dass ausgerechnet dort physische Grenzen überschritten werden. In der Musik und der Kunst haben wir im Grunde auch ständig mit diesen Grenzüberschreitungen zu tun.

 

Ihr Held, der norddeutsche Geiger Ruven Preuk, ist begabt und versucht mit Geduld und Beständigkeit Karriere zu machen. Er lebt aber in einem Zeitalter wo das ganze Land versagt. Unsere Tage scheinen auch Tage des Versagens zu sein, Nachdem Sie Ihren Helden auf seinem langen bitteren Weg begleitet haben, haben Sie ihm vielleicht eine Weisheit abgewonnen? Kann es in Zeiten des Versagens eine Art Erfolg geben?

 

Ich glaube ich wollte etwas fragen wie: Können wir verweilen, ohne still zu stehen? Können wir den Fortschrittszwang überwinden und dennoch fortschreiten? Natürlich habe ich in dem Roman über einen Musiker oder Künstler auch nach den wirklichen Beweggründen gesucht, nach dem Musizieren um der Musik willen. Ich bin in meinem eigenen Leben fast ausschließlich von KünstlerInnen, MusikerInnen und LiteratInnen umgeben. Selbstverständlich haben nicht alle dauernd äußeren Erfolg. Meine Bewunderung gilt allen, die im Scheitern dennoch weiter machen, trotz manchmal wirklicher Schmerzen. Das ist eine der schönsten und würdigsten Antworten auf den Kapitalismus.

 

In Ihrem Buch, sind es dieselben Leute die in den 20-er Jahren Kommunistenhasser , in den 30er Judenhasser und schließlich von den SS rekrutiert werden. Und das sind diejenigen aus dem norddeutschen Dorf, die schon als Kinder düster und psychisch labil waren und eine grundsätzliche Tendenz zur Gewalt hatten. Sehen Sie eine Ähnlichkeit im Phänomen der heutigen jungen Rekruten des Islamismus oder des Rechtsextremismus?

 

Die Hassenden sind in meinen Texten ausschließlich diejenigen, die selbst Hass, Angst oder Lieblosigkeit erfahren haben. Nennen Sie mich eine Idealistin, aber ich bin der festen Überzeugung, dass kein Mensch bösartig geboren wird. Ich sehe eine der revolutionärsten Aufgaben überhaupt in der liebevollen und freilassenden Pädagogik. Die überstrenge, preußische Erziehung, die mit Erniedrigung und Gewalt gearbeitet hat, hat in meinen Augen entscheidend zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts geführt.

Erniedrigung und Gewalt sind es auch, die heute Menschen zu extremen Positionen oder Handlungen treiben. Worin diese Erniedrigung besteht, ist sehr vielschichtig. Das können Systeme sein, Lehrer, Eltern, aber auch Not oder Aussichtslosigkeit. Immer sind es in meinen Augen aber Kräfte, die vor allem jungen Menschen die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit verwehren.

 

Sie haben Ihr Land vor der Katastrophe des Dritten Reichs nicht erlebt. Glauben Sie dass  Deutschland vor dem Krieg ein anderes Land war? War die deutsche Identität anders, als sie noch nicht strikt national war? Spielen die großen Wunden des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle in der Identität einer 40-jährigen deutschen Schriftstellerin?

 

Ich gehöre wohl zu der Generation, die in Schule und Elternhaus maximal mit der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit konfrontiert wurde. Und ich beklage mich darüber nicht. Im Gegenteil. Ich bin sehr dafür, dass die Deutschen sich um eine uneitle Demut immer weiter bemühen, ohne sie dabei aber anderen abzuverlangen. Etwas anderes kommt bei unserer Vergangenheit für mich nicht in Frage.

Wie das Land vor dem Dritten Reich war, kann ich nur der Literatur und anderen kulturellen Erzeugnissen entnehmen. Ich glaube der Eindruck trügt nicht, dass es damals vielleicht interessanter, internationaler, interkultureller zuging, als in den Jahrzehnten nach dem Krieg. Immerhin hatte man die gesamte geistige, künstlerische und ja auch politische Avantgarde entweder getötet oder vertrieben. Das muss man sich einmal vorstellen! Ich habe mit 14 Jahren zum ersten Mal überhaupt einen gläubigen Juden gesehen! Aber in Antwerpen! Die Vernichtung der Juden, aber auch die Zerstörung all der anderen Menschenleben, bedeutete in Deutschland auch die beinahe gänzliche Vernichtung von Kultur. Dass die Amerikaner darüber nachdachten, aus Deutschland einen Kartoffelacker zu machen, war ja vielleicht gar kein Witz, sondern nur naheliegend.

 

Es gibt im Moment im Westen immer mehr Menschen die sich von Kultur und Geschichte abkapseln und sich ausgeschlossen und überflüssig fühlen. Könnte Kunst in der Ausbildung der jungen Leute so verwendet werden, dass ein Gemeinschaftsgefühl wiederhergestellt wird?

 

Die Gemeinschaft muss in meinen Augen zuerst durch die gerechtere Verteilung der Güter (wieder) hergestellt werden. An der Stelle ist vielleicht tatsächlich jene „Brüderlichkeit“ von 1789 gefragt, aber verstanden als wirtschaftliche Brüderlichkeit. Das wäre für mich schon eine erste Form von Kultur: Kultivierter Umgang mit dem Geld. Das muss wohl auch damit einher gehen, dass man die jungen Menschen nicht nur zu gut verwertbaren WirtschaftsteilnehmerInnen erzieht. Wir sehen ja einer recht verdrehten Bildungspolitik zu. Statt den Jugendlichen Zeit zu lassen, sich anhand des Stoffes, auch des künstlerischen, wirklich zu entwickeln und Träume, Visionen zu hegen, hetzt man sie in einen völlig überfüllten Arbeitsmarkt und sagt, seht zu, wie ihr euch durchkämpft! Die Menschen fühlen sich überflüssig, weil sie in gewissen Systemen überflüssig SIND. Das ist schrecklich.

 

Gibt es zeitgenössische Schriftsteller der deutschen oder internationalen Szene die Sie besonders interessieren und warum?

 

Auf diese Frage möchte ich nicht mit Namen antworten. Ich glaube aber, mich begeistern AutorInnen vom afrikanischen Kontinent oder mit dortigen Wurzeln momentan besonders. Sie erweitern in höchstem Maße meinen Horizont und befreien mich von zu viel Eurozentrismus.